Das Bundekriminalamt hat
eine Analyse mit dem wenig verwunderlichen Ergebnis veröffentlicht, dass Flüchtlinge genauso friedlich/kriminell sind wie Deutsche. Dies sollte zu einer „Versachlichung der Debatte“ beitragen. Sieht man nun die Reaktionen vieler Tausender auf die in Paris verübten Anschläge, scheinen hier jedoch Angst und Schrecken den Versuch einer Versachlichung zu überschatten. Tenor der Reaktionen: unter den Flüchtlingen seien einige IS-Terroristen. Dass dies aber vielmehr eine rechtsextreme Unterstellung als eine realitätsgetreue Einschätzung darstellt, muss glaube ich nicht weiter ausgeführt werden. Derartige Anschläge sind Wasser auf die Mühlen rechtsextremer Instrumentalisierung. Die Analyse des BKAs ergab auch weiterhin, dass alle bisherigen Hinweise auf Terroristen unter Flüchtlingen substanzlos und wie sich in mehreren Fällen herausstellte bloß Produkt übler Nachrrede waren.
Auf blogger.de gibt es einen Blog
Mitdenken für alle, auf dem so getan wird, als sei der Stein der Weisen gegen Rechtsextremismus gefunden worden. Die einzige Möglichkeit, so wird argumentiert, sei mehr Verständnis für die Existenzängste von Rechtsextremisten aufzubringen. Gewalttätige Rechtsextremisten sollen also nicht nur strafrechtlich verfolgt, sondern in irgendeiner Weise psychologisch betreut oder so ähnlich werden. Wenn man auch noch mehr Vertrauen zur Regierung herzustellen vermag und eine Zukunftsperspektive bietet, sei das Problem zwar nicht von heute auf morgen, aber doch langfristig garantiert gelöst. Wenn man es mit der Anregung zum Mitdenken ernst meint, ist man gut beraten, nicht zu glauben, die Non-Plus-Ultra-Lösung gefunden zu haben. Denn so bräuchte man gar nicht mehr mit- und weiter denken.
Meines Erachtens ist die Problemlage beim Rechtsextremismus ein wenig komplexer. Bevor also Lösungsvorschläge unterbreitet werden, sind die Bedingungen der Möglichkeit zur Entstehung von Rechtsextremismus etwas differenzierter zu analysieren. Wenn aber etwas analysiert wird, sollte erst einmal begrifflich geklärt werden, worum es bei dem zu untersuchenden Problem geht. Und hier steht man bereits vor dem Problem, so konstatiert der Rechtsextremismusforscher Richard Stöss, keine allgmein ankerkannte Definition oder gar Theorie des Rechtsextremismus in der Sozialforschung zu haben, da Rechtsextremismus keiner einheitlichen Ideologie folgt. Der Begriff Rechtsextremismus ist vielmehr ein Sammelbegriff, der unterschiedliche rechtsgerichtete, undemokratische und inhumane Erscheinungsformen umfasst. Charakteristisch für Rechtsextremismus sind ein übersteigerter Nationalismus, oft kombiniert mit imperialistischem Großmachtstreben, die Negation von Freiheits- und Gleichheitsrechten des Menschen, die Ablehnung demokratisch-pluralistischer Systeme (Volkssouveränität, Mehrheitsprinzip etc.) und die völkisch bzw. rassistisch begründete Volksgemeinschaft, die angeblich als reinrassiges, homogenes Volk anderen Völkern überlegen sei. Deutschnationale bzw. nationalistisch-konservative Einstellungen und Bestrebungen fallen ebenso unter diesen Sammelbegriff wie der Faschismus bzw. Neofaschismus.
Im Rahmen der Ursachenforschung existieren unterschiedliche Erklärungsansätze von Rechtsextremismus. Zum einen gibt es sogenannte biologistische Ansätze, die Rechtsextremismus über vermeintlich natürliche Eigenschaften bzw. Merkmalen von Rechtsextremisten zu erklären versuchen. In den 1950/60er Jahren kursierte in der Hinsicht die These, dass wenn die Menschen, die sich mit dem Nationalsozialismus identifizierten, aussterben, der Rechtsextremismus überwunden wäre. Rechtsextremismus sei ein biologisches Problem der Generation der nationalsozialistischen Deutschen gewesen. In etwa zur gleichen Zeit etablierte sich das Erklärungsmodell „verrückter Jugendlicher“. Demnach war Rechtsextremismus ein Phänomen männlicher Jugendlicher. Auch hier war das Gebot der Stunde abwarten, bis diese verrückten Jugendlichen älter werden, dann erledige sich das Problem Rechtsextremismus auf biologisch-natürliche Weise von selbst. Da Rechtsextremismus auch ein Problem der Gegenwart ist und es auch ältere Männer wie Frauen mit rechtsextremen Einstellungen und Verhaltensweisen gibt, liegt der naturalistische Fehlschluss solcher Erklärungsansätze auf der Hand. Es entsteht doch der Eindruck, solche Ansätze entsorgen das Problem vielmehr als dass sie es zu erklären und zu lösen versuchen. Ebenso wie die Gleichsetzungstheorie, die in Form einer Parallelisierung von Faschismus und Kommunismus das Problem Rechtsextremismus verkennt. Beide Ismen werden mit dem Argument gleichgesetzt, sie seien totalitär, ohne dabei die Unterschiede in den Inhalten und Interessen letzterer zu berücksichtigen.
Zeitgenössische Rechtsextremismusforschung geht von einem multifaktoriellem Konglomerat aus, das für die Entstehung von Rechtsextremismus verantwortlich ist. D.h., unterschiedliche Bedingungen rufen das Problem hervor. Über eine dieser Bedingungen gibt die Psychoanalyse Aufschluss, welche die psychischen Dispositionen von Menschen als konstitutiv für Rechtsextremismus erachtet. Hintergedanke war hier, dass das Konzept des autoritären Charakters eine sozialpsychologische Erklärung des Faschimus bieten kann. Man ging davon aus, dass die Macht des Nationalsozialismus nicht ausschließlich auf gewaltsamer Unterdrückung beruhen konnte, sondern eine Aufrechterhaltung und Reproduktion des Systems nur dann gelingen konnte, wenn in unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen wie Familien, Schulen und Betrieben Menschen geformt werden, die ein Bedürfnis nach autoritärer Herrschaft und Unterordnung entwickeln. Nach Theodor W. Adorno lagen rechtsextremem Denken und Handeln verborgene Persönlichkeits- und Charakterstrukturen zugrunde. Die drei entscheidenden Persönlichkeitsmerkmale waren dabei Konventionalismus, autoritäre Unterwürfigkeit und autoritäre Aggression.
Konventionalismus bedeutet eine starre Bindung an die konventionellen Werte und Normen des Mittelstandes. Autoritäre Unterwürfigkeit und autoritäre Aggresion leiten sich aus dem psychoanalytischen Konzept des sado-masochistischen Charakters bei Erich Fromm ab. Der masochistische Anteil des autoritären Charakters bewundert eine Autorität und strebt danach, sich ihr zu unterwerfen, während der sadistische Anteil des autoritären Charakters selbst die Autorität sein will und danach trachtet, andere zu unterwerfen. Diese Charaktereigenschaften gezielt zu erziehen, war nach psychoanalytischer Auffassung das Erfolgsrezept des Nationalsozialismus. Daher scheint eine psychologische Betreuung von gewalttätigen Rechtsextremisten, wie der Blogger von Mitdenken für alle fordert, auch nicht abwegig. Die psychische Disposition ist jedoch lediglich eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für Rechtsextremismus. Aufgrund dessen müssen weitere, m.E. vor allem gesellschaftliche Bedingungen berücksichtigt werden.
Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge argumentiert, dass eine weitere dieser Entstehungsbedingungen von Rechtsextremismus im Gestaltungsprinzip unserer kapitalistischen Gesellschaft begründet ist. Die Prinzipien der Leistung und Konkurrenz seien Nährboden für Ausgrenzungsideologien, da Menschen in einer solchen Gesellschaft versuchen, besser zu sein als andere und mehr zu leisten als andere. Weil nicht alle Menschen gleichermaßen im Konkurrenzkampf bestehen, folgt daraus, dass einige gewinnen, andere verlieren und ausgegrenzt werden können. Wird dieser Umstand wiederum simplizistisch gedeutet, treten Ausgrenzungsideologien zu tage.
Die Konkurrenz in unserer kapitalistischen Gesellschaft findet jedoch nicht nur auf Mikroebene zwischen Menschen, sondern auch auf Makroebene zwischen Gesellschaftsschichten statt. Um mehr ökonomischen Druck ausüben zu können, wird der Sozialstaat sukzessive (spätestens seit Agenda 2010) abgebaut, sodass einzelne Gesellschaftsschichten auseinanderklaffen und obere Schichten Druck nach unten ausüben können. Die dem zunehmenden ökonomischen Druck ausgelieferten Schichten wiederum geben diesen Druck an noch schwächere Gesellschaftsgruppen weiter, z.B. ethnische Minderheiten, um diese auszugrenzen. Um die zunehmende Armut und das damit einhergehende Auseinanderklaffen der Gesellschaftsschichten in Deutschland zu verstehen, ist auszuführen, was damit gemeint ist.
Der Soziologe Serge Paugam unterscheidet zwischen integrierter, marginaler und disqualifizierender Armut. Bei der integrierten Armut ist die Anzahl von Armen an einem bestimmten Ort so hoch, dass ihre Situation nicht zu einer sozialen Desinstegration vor Ort führt. Marginale Armut ist nach Paugam ein Produkt entwickelter Wohlfahrtsstaaten, bei der es sich um eine Armut von Minderheiten am untersten Rand der Gesellschaft handelt. Einer Mehrheit in Lohnarbeit Beschäftigter steht dabei eine Minderheit an Armen gegenüber, die als Projektionsfläche für negative Schuldzuweisungen dient und bestenfalls als Hilfsbedürftige gelten. Disqualifizierende Armut betrifft in immer größerem Maße zuvor gesellschaftlich integrierte Bevölkerungsteile und bedeutet so viel wie eine Prekarisierung der Lebenssituation letzterer. D.h., immer mehr Menschen haben aufgrund ihrer Einkommens-, Wohnungs- und Gesundheitssituation mit prekären Situationen zu kämpfen. Armut ist demnach nicht bloß mehr ein exklusives Problem am untersten Rande der Gesellschaft, sondern es geht dabei um Gesellschaftsgruppen deren Abstand zu gesicherten gesellschaftlichen Positionen immer größer wird. Zu ihnen zählen in Deutschland Arbeitslose/Sozialhilfeempfänger (Stand 2015: 4,3 Mio. Personen ALG II + 7,6% aller Deutschen Hartz 4) und abhängig Beschäftigte im Niedriglohnsektor (geringerer Stundenlohn als 9,30 Eur; 1995 18% aller abhängig Beschäftigten, 2012 waren es 24%). Der Soziologe Klaus Dörre hält fest: eine große Mehrheit dieser sozialen Gruppen strebt nach gesellschaftlicher (Re)Integration durch reguläre Erwerbstätigkeit.
In einer Gesellschaft, in der die relative (disqualifizierende) Armut, also eine Armut, in der zwar ein physisches, aber kein soziokulturelles Existenzminimun gesichert wird, beständig wächst und eine Gesellschaft, in der die
Ungleichheit von Einkommen und Vermögen zunimmt, verschäft sich das soziale Klima und gleichzeitig wächst die Angst derer, in die immer größere Teile der Bevölkerung erfassende relative (disqualifizierende) Armut abzusteigen. Hierin liegt die sozioökonomische Bedingung von Rechtsextremismus begründet. Die soziale Unzufriedenheit erfasst nicht nur diejenigen, die von relativer Armut betroffen sind, sondern ebenso diejenigen, die soziale Existenzrisiken befürchten. Wenn soziale Sicherungssysteme abgebaut werden und der Eindruck entsteht, dass im Falle von sozialen Existenzrisiken wie Arbeitslosigkeit, Alter, Krankheit, Unfall etc. der Sozialstaat Menschen nicht mehr ausreichend abfedert, verschärft sich das soziale Klima und führt zu sozialer Unsicherheit/Unzufriedenheit. Nach Stöss lösen soziale Unzufriedenheiten pessimistische Zukunftserwartungen aus und bewirken Gefühle der Benachteiligung und Ausgrenzung. Diese befördern wiederum Vorurteile gegenüber Fremden und Schwachen, die für den Status Quo verantwortlich gemacht werden. Gleichzeitig wächst in dieser Problemlage das Bedürfnis nach autoritären Konzepten. Gepaart mit dem Vertrauensverlust in die vorherrschende Politik wächst der Wunsch nach autoritärer Herrschaft, die vermeintlich für Stabilität und Sicherheit zu sorgen vermag.
Rechtsextremismus ist nicht nur psychologisch, ökonomisch und politisch bedingt, seine Entstehung wird auch über die politische Kultur mit verursacht. Wenn in Politik und Medien Feindbildkonstruktionen und Bedrohungsszenarien verbreitet werden, wird deutlich, dass Rechtsextremismus nicht bloß ein Randphänomen, ein Problem der „kleinen Leute“ ist, sondern in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Wenn in der politischen Kommunikation und in den Massenmedien von kriminellen Flüchtlingen, Grenzziehungen zum Schutz vor Flüchtlingen, Vorrang für Deutsche auf dem Arbeitsmarkt etc. die Rede ist, bieten sich Anknüpfungspunkte zum Rechtsextremismus, die verstärkend wirken können. In Parteien und Medien gilt rechtsextreme Stimmungsmache mitunter auch als erfolgsversprechende
Strategie für Wählerfang und Absatzerhöhung.
Butterwegge sieht eine weitere Bedingung zur Entstehung von Rechtsextremismus besonders in der Gegenwart als entscheidend an, die mit dem Globalisierungsprozess einherging. Die vor dem Hintergrund der Globalisierung in den 1990er Jahren entstandene Wettbewerbssituation zwischen den Staaten um die besten Standortbedingungen beflügelte einen Standortnationalismus, der darauf abzielt, Deutschland als Wirtschaftsstandort um jeden Preis immer effizienter und konkurrenzfähiger gegenüber anderen Standorten zu machen. Durch eine Internationalisierung der Warenproduktion durch eine Zerlegung auf viele Standorte sowie eine Internationalisierung von Dienstleistungen (Finanzen und Versicherungen z.B.) wird Druck auf nationale Regierungen ausgeübt, sich im Kampf um den nationalen Standort gegenüber anderen nationalen Standorten zu behaupten. Diese Standortlogik ist ein weiterer Kristallisationspunkt für Rechtsextremismus, da diese Standortlogik eine Nation als Wirtschaftsstandort zu verherrlichen droht und sich gegenüber anderen Nationen als Standort abgrenzt. Dieser Standortnationalismus erzeugt eine Hetzstimmung, die sich sowohl gegen Gewinner als auch Verlierer richtet. Einerseits wird gegen Verlierer gehetzt, die vermeintlich nicht genügend leisten für den eigenen, natioanlen Standort, z.B. Zuwanderer. Andererseits wird gegen Gewinner gehetzt, da sie alle korrupt sind und nur an sich selber denken. In dieser Gemengelage wird insgesamt eine demokratiefeindliche Stimmung heraufbeschworen, die Rechtsextremismus Vorschub leisten kann.
Diese Erklärungsfaktoren (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) bilden den Nährboden, auf dem Rechtsextremismus gedeihen kann. Sicherlich entsteht Rechtsextremismus nicht erst dann, wenn alle Bedingungen erfüllt sind. Welche Bedinungen im Einzelfall wie zu gewichten sind, bedarf konkreter Einzelfallanalysen. Es wird aber deutlich, dass eine einfache Bekämpfung rechtsextremen Verhaltens nicht ausreicht. Auch psychologische Betreuung/Therapie vermag das Problem als solches langfristig nicht zu lösen. Die Möglichkeitsbedingungen von Rechtsextremismus sind vielmehr insgesamt zu bekämpfen, um erfolgreich gegen Rechtsextremismus vorzugehen. Dazu gehört die Verbesserung der politischen Kultur, in der antidemokratischen Diskurse geführt werden, an die Rechtsextremismus andocken kann. Ferner ist die neoliberale Standortlogik zu kritisieren und zu verwerfen, um wirtschaftsnationalistischen Auswüchsen Einhalt gebieten zu können. Außerdem, und darin sehe ich einen schwerwiegenden Faktor, ist die soziale Frage dringend aufzugreifen, da die sozioökonomische Ungleichheit mehr denn je Zündstoff für Rechtsextremismus bietet.
Quellen:
Adorno, Theodor W. (1950): The Authoritarian Personality.
Butterwegge, Christoph (2014): Abwicklung des Sozialstaats. In:
https://www.youtube.com/watch?v=piApfkqNSe4 (Zugriff 15.11.2015)
Butterwegge, Christoph (2015): Rechtsextremismus im Zeichen der Globalisierung. In:
https://www.youtube.com/watch?v=AKkBruD5NX4 (Zugriff 15.11.2015)
Dörre, Klaus (2010): Armut. In: Lexikon der Politikwissenschaft (Hrsg.): Nohlen und Schultze.
Fahrenberg, Jochen (2014): Autoritäre Persönlichkeit. In: Lexikon der Psychologie.
https://portal.hogrefe.com/dorsch/autoritaere-persoenlichkeit/ (Zugriff 15.11.2015)
Fromm, Erich (1956): Die Kunst des Liebens.
Paugam, Serge (2008): Die elementaren Formen der Armut.
Statistikportal zu Arbeitslosengeld II:
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1396/umfrage/leistungsempfaenger-von-arbeitslosengeld-ii-jahresdurchschnittswerte/ (Zugriff 15.11.2015)
Statistikportal zu Hartz 4:
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/4275/umfrage/anteil-der-hartz-iv-empfaenger-an-der-deutschen-bevoelkerung/ (Zugriff 15.11.2015)
Statistikportal Niedriglohnbeschäftigung:
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/161881/umfrage/niedriglohnbeschaeftigte-in-deutschland-seit-1995/ (Zugriff 15.11.2015)
Stöss, Richard (2010): Rechtsextremismus im Wandel.
Wer in Hamburg wohnt, wird einem Thema derzeit wohl nicht aus dem Weg gehen können: Olympia. Viele Wahlberechtigte haben ihre Wahlunterlagen für das Referendum am 29. November 2015 bereits erhalten und stehen vor der Frage: Bewerbung für Olympia in Hamburg, ja oder nein? Die Hamburger Parteien und der Senat zelebrieren sich mit der Tatsache, dass Hamburg als einzige Bewerberstadt eine Volksabstimmung in dieser Frage abhält und scheinen ob ihrer basisdemokratischen Vorreiterrolle in Ruhm und Ehre kaum noch zu übetreffen sein. Wer so viel Demokratie und Bürgernähe beweist, muss die Spiele doch einfach verdient haben!
In der Tat ist das zwecks Olympiabewerbung durchzuführende Referendum ein obligatorisches und kein konsultatives Referendum, d.h., das Ergebnis der Wahl hat eine rechtsverbindliche Wirkung. Ein mehrheitliches JA erzwingt also eine Bewerbung für die olympischen Spiele, ein mehrheitliches NEIN verhindert eine solche Bewerbung. Olaf Scholz kann es gar nicht oft genug betonen, dass die Entscheidung bei den BürgerInnen liegt. Was auf den ersten Blick wie eine demokratische Legitimationsbasis zu sein scheint, ist beim zweiten, spätestens dritten Blick jedoch etwas komplizierter.
Wer die Wahlkampagne zu Olympia etwas genauer verfolgt hat, wird unschwer festgestellt haben, dass das Beteiligungsverfahren eher manipulativen denn ergebnisoffenen Charakter hatte. Die geradezu empor gejubelte Befürwortungskultur stand von Anfang an im Vordergrund, ohne zu argumentativer Abwägung oder kritischer Reflexion, vor allem in Sachen ernstzunehmender Risiken, anzuregen. Die Belege hierfür liegen auf der Hand oder vielmehr in der ganzen Stadt verteilt. Von Behördengebäuden über öffentliche Verkehrsmittel bis hin zu gigantischen Werbeaktionen wie letzten Sonntag auf der Hauptwiese des Stadtparkts wimmelt(e) es nur so von einseitigen Pro-Olympia-Aussagen. Den geneigten HamburgerInnen wurde eines glasklar suggeriert: für Olympia zu sein, heißt für die Stadt Hamburg zu sein, da alle davon profitieren.
Auch die Aufbereitung des Informationsheftes, das den Wahlunterlagen beigefügt wurde, lässt zu wünschen übrig. Von Seite 4 bis 10 treten SPD, CDU und Grüne für die Olympischen Spiele ein und dann passiert etwas groteskes: auf Seite 11 erscheinen Linkspartei und AFD gemeinsam, wobei der Linkspartei bloß ihr Wahlplakat vergönnt war und die AFD einen Kurztext präsentiert, in dem sie sich nach einer Auflistung fragwürdiger Proargumente mit dem vernünftigen Argument eines fehlenden, belastbaren Finanzierungskonzepts gegen die Spiele positioniert. Allerdings mit Bedauern. Auf ersten Blick wirkt es so, als sei der Kurztext der AFD Beschreibung des Wahlplakats der Linkspartei, es wird jedoch schnell deutlich, dass dies inhaltlich nicht aufgeht. Es gebietet sich schon aus politischen Gründen schlichtweg nicht, die AFD und die Linkspartei in einem Zug anzuführen. Nachdem die Parteien zu Wort kommen durften, erklärt der Senat, als ob die jeweiligen Parteien der Proseite noch nicht Stellung bezogen hätten, von Seite 12 bis 19 erneut die Begrüßung der Olympia in Hamburg. Seite 20 bis 27 ist der Bürgerinitiative Stop Olympia gewidmet, die auf verständliche und bürgernahe Art und Weise kritische Argumente vorbringt. Kritische und dubiose Aussagen finden sich einmal auf kuriose Weise auf Seite 11 und kritische Einwände von Seite 20 bis 27, wobei die kritische Volksinitiative eher wie ein unmotiviert angehängter Appendix wirkt, als ob man sich zum Ende am Rande mit dieser auch noch auseinandersetzen müsste. Der Stimmzettel weist ebenso durch seine Aussage „Ich bin dafür, dass [...]“ eine Protendenz auf, indem durch diese Formulierung nicht beide Optionen von JA und NEIN gleichwertig nebeneinander stehen, sondern eine Dafürhaltung sprachlich vorweg nahegelegt wird.
Knüpfen wir bei dem Argument des finanziellen Risikos an. Die Olympischen Spiele, von 1960 bis 2012, haben den im Voraus kalkulierten Finanzbedarf bisher immer deutlich überschritten, und zwar nicht in Form von Peanuts, sondern von durchschnittllich über 100%. Sei es durch die Bauprojekte für die Spiele in der Stadt oder durch strikte Auflagen des International Olympic Committees. Es werden zwar Finanzierungsmodelle vorgelegt, bei denen handelt es sich jedoch vielmehr um Szenarien als durch Zahlen und Fakten abgesicherte und somit belastbare und glaubwürdige Finanzierungskonzepte. Die Intransparenz der Finanzierungsmodelle erhärtet den Verdacht, dass es sich dabei lediglich um Annahmen/Vermutungen handelt. Abgesehen davon soll die gesamte Planung und Umsetzung der Infrastruktur für die Olympischen Spiele von internationalen Trägern verantwortet werden und es zeigt sich in Studien zu vorherigen Olympiastädten, dass vermeintliche Mehreinnahmen durch geförderten Tourismus den überspannten Finanzierungsbedarf nicht zu kompensieren vermögen. Auch das Argument Olympia als Jobmotor erweist sich als fragwürdig, wenn man bedenkt, dass nahezu ausschließlich kurzfristig geschaffene Niedriglohnjobs und Volunteerstellen geboten werden, um das Spektakel abzuwickeln. Entgegen aller fulminanten Beteuerungen des Senats und aller befürwortenden Parteien ist also mit aller Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass der finanzielle Rahmen für die Olympischen Spiele gesprengt wird und gleichsam ein Ausgleich geschaffen werden muss. Der wirtschaftspolitische Standpunkt unseres Senats sollte hierbei nicht vergessen werden. Die vom Senat betriebene Sparpolitik und die im Rahmen dieser initiierten Schuldenbremse wird dazu führen, dass es keine zusätzlichen Ausgaben aus dem öffentlichen Haushalt geben wird, sondern vielmehr Kürzungen in sozialen und kulturellen Bereichen, um die höchstwahrscheinlichen Mehrkosten der Olympischen Spiele zu decken. Das in neoliberalen Zeiten ohnehin schlecht gestellte Leidenspaar Kultur und Soziales würde duch die Olympischen Spiele einmal mehr mit Füßen getreten werden.
Gerne wird innerhalb der Befürwortungskultur das große Potenzial innovativer Stadtentwicklung durch Olympia in Hamburg hervorgehoben. Es stellt sich ernsthaft die Frage, warum erst ein gigantisches Sportevent Anlass sein sollte, in die Infrastruktur der eigenen Stadt zu investieren, als ob erst profithungrige IOC-Funktionäre als Privatprofiteure vorhanden sein müssen, um Stadtentwicklung voranzutreiben. Sollte nicht eine ausreichende Finanzierung und Bereitstellung notwendiger Infrastrukturen selbstverständliche Aufgabe politischen Handelns sein? Ferner werden sich sämtliche Investitionen in die Infrastruktur auf olympiaspezifische Bereiche beschränken, die, auch wenn anschließend umfunktioniert (Olympiaschwimmhalle soll Spaß- und Erlebnisbad für alle werden...), den öffentlichen infrastrukturellen Bedarfen nicht gerecht wird. Wer meint, es gebe keine Bedarfe, sollte sich mal viele Schulen, Kindertagesstätten und die Universtät Hamburg anschauen oder sich den Zustand in Aufnahmelagern für Flüchtlinge z.B. vergegenwärtigen. Was infrastrukturelle Investitionen notwendig macht, wird durch Olympia entweder auf die lange Bank geschoben werden oder sogar gänzlich entfallen. Auch die Sanierungs- und Wohnungsbaumaßnahmen für die Olympischen Spiele auf dem Grasbrook werden viele Kosten mit sich bringen. Allein die Sanierung der Hafenflächen des Grasbrooks werden Kosten im Milliardenbereich verursachen. Der Olympiahaushalt wird das nicht alleine stemmen können. Es werden entweder öffentliche Steuergelder herangezogen oder Mietpreise erhöht werden müssen. In der Olympic City of London hat übrigens der Mietpreismechanismus gegriffen, um eben Sanierung und Wohnungsbau zu refinanzieren. Selbst bei verkündeter Mietpreisbremse und der Errichtung einiger Sozialwohnungen unter den Wohnungsbauten ist eine Mietpreiserhöhung im Grasbrook und mittelfristig in umliegenden Elbinselquartieren wie Wilhelmsburg und Veddel zu erwarten. Die Olympischen Spiele werden demnach dem Gentrifizierungsprozess auf der Elbinsel Vorschub leisten, welcher wiederum eine Verdrängung sozioökonomisch schlechter gestellter Menschen impliziert.
Große Sportevents sind Experimentierfeld für Sicherheitskonzepte. Selbst wenn entsprechende Gesetzgebungen von Land zu Land verschieden sind, ist mit vielen Sicherheitsmaßnahmen zu rechnen, die bedauerlicherweise nicht transparent gemacht und im Vorfeld nicht diskutiert werden. Inwiefern hier eventuell Rechte von BürgerInnen der Stadt verletzt werden, wird bisweilen nicht thematisiert und lediglich darauf verwiesen, dass es eine flächendeckende Videoüberwachung oder einen Einsatz der Bundeswehr nicht geben wird. Aber auch in vorherigen demokratischen Austragungsstaaten gab es eine digitale Überwachung öffentlicher Räume sowie eine Schaffung von Sonderzonen um die Sportstätten, auch einhergehend mit einer Aufrüstung von Sicherheitskräften. Dass die Bundeswehr hier nicht zum Zuge kommt und nicht flächendeckend videroüberwacht wird, sind eher Scheinargumente, da von einer Militarisierung der Polizei innerhalb solcher Sonderzonen im öffentlichen Bereich sowie von einer digitalen Überwachung ausgegangen werden kann. Ob also das Argument „sichere Spiele“ nicht eher zu Verstoßen gegen in der Verfassung gewährter Rechte führt, ist wegen mangelnder Transparenz nicht einmal diskutierbar. An der Stelle zeigen die Beispiele aus vorherigen Austragungsstaaten ebensolche Bürgerrechtsverletzungen, womit auch hierzulande unrechtmäßige Sicherheits- und Kontrollmaßnahmen wahrscheinlich ergriffen würden. Demonstrationsrecht, Meinungsfreiheit sowie Datenschutz werden unter anderem wohl zeitweilig und in einem räumlich nicht einzuschätzenden Rahmen außer Kraft gesetzt werden.
Es bleibt zu hoffen, dass die BürgerInnen Hamburgs auch kritische Argumente mit ins Kalkül ziehen, um nicht blindlings der einseitigen Befürwortungskampagne zum Opfer zu fallen. Es sollte doch zumindest gewährleistet sein, sich kritisch eine Meinung bilden zu können. Und zwar noch bis zum 29.11. Kritische Stimmen gibt es ja. Sie gehen im öffentlichen Diskurs jedoch unter.
Verwendete Quellen:
http://www.nolympia.de/
http://www.stopolympia.de/
https://de.wikipedia.org/wiki/Internationales_Olympisches_Komitee
https://de.wikipedia.org/wiki/Olympische_Spiele
Wahlheft zum Bürgerschaftsreferendum
Die SG Findorff spielt seit dieser Saison in der Bezirksliga Bremen. Der Verein in dem Stadtteil Bremens, in dem ich wohne, ist letzte Saison abgestiegen und spielt deswegen in dieser, in der siebten Liga. Manchmal gönne ich mir den Spaß und verbringe am Wochenende zwei Stunden neben dem Fußballplatz. Eintritt kostet 2 Euro und man muss mit dem Schlimmsten rechnen. Aber manchmal kommen doch ganz ansehnliche Spiele heraus.
Auf der Website
Fussball.de finden sich Informationen zu so ziemlich allen Ligen in Deutschland. Und davon gibt es eine ganze Reihe! Laut
Wikipedia traten in der Saison 2012/13 33.633 Mannschaften in 2344 Ligen auf bis zu 13 Ebenen an. Und heute werden es nicht viel weniger sein. Wenn ich Informationen sage, dann bedeutet das meistens mindestens, dass dort steht, wer wann die Tore geschossen oder eine Karte bekommen hat. D.h., es gibt für jede Liga mindestens eine/n Fußballverrückte/n, der/die die Schiedsrichterberichte durchforstet.
So ziemlich in jedem Stadtteil und jedem Kaff gibt es einen Fußballverein - oder es gab ihn zumindest, auch wenn er mittlerweile aus Kostengründen mit dem Nachbarverein fusionieren musste.
Selbst wenn man zu den durchaus zahlreich vorhandenen Menschen gehört, die sich nicht für Fußball interessieren, kann man sich in Deutschland dem Lieblingssport nicht gänzlich entziehen. Von der Herrenweltmeisterschaft bis zum Staffelsieg der lokalen B-Jugend, von dem im Anzeigenblättchen berichtet wird. Der Fußball ist allgegenwärtig und hat einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Dies bringt viele Vorteile mit sich. Genau wie alle anderen (gerade Mannschafts-)Sportarten auch und wegen seiner Popularität nunmal potenziert, hat er eine große Integrationskraft und ist auch aus gesundheitspolitischer Sicht unverzichtbar.
Doch es ist etwas faul im Staate Fußball. Schon lange ist klar, dass die FIFA, der quasi-mafiös aufgebaute Weltfußballverband, ein
korrupter Drecksladen ist. Nachdem Joseph "Sepp" Blatter jahrelang dort schalten und walten konnte, wie er es wollte, er und seine FunktionärInnen ordentlich Kasse machen und Staaten wie Südafrika und Brasilien ausnehmen konnten, waren es am Ende tatsächlich die USA bzw. das FBI, denen es zu bunt wurde. Und das, obwohl Fußball dort wenn überhaupt eher noch ein aufstrebender Sport ist - und vom sonst so omnipräsenten Ruf der "Amis" mal ganz abgesehen.
Eigentlich war schon das ein Armutszeugnis für die Verbände der eigentlich"großen" Fußballnationen. Auch für den Deutschen Fußballbund (DFB). Doch für den kommt es nun noch dicker. Das Sommermärchen, die Fußball-WM 2006, bei der die Welt zu Gast bei deutschen Freunden war und Deutschland sich endlich so nett präsentieren durfte wie es das schon immer wollte, soll gekauft worden sein. Und anscheinend doch nicht vom Satiremagazin
Titanic, sondern vom DFB höchstselbst. Wer jetzt wann genau bestochen und wer gelogen hat,
ist noch nicht so ganz klar. Und mediale Verbündete der damals agierenden Seilschaften (wie z.B. Sport-Bild-Cefredakteur
Alfred Draxler) versuchen auch eine Nebelkerze nach der anderen zu werfen. Was aber immer klarer wird: Auch der DFB hat ordentlich mitgemischt im globalen Fußballkorruptionskarussell. Ein Skandal, der die deutsche Fußballseele mitten ins Herz trifft!
Ein Skandal, der die deutsche Fußballseele mitten ins Herz trifft? Nun ja, ganz so einfach ist es nicht. Die Frage, die sich nun stellen wird, ist: Werden sich die Menschen hierzulande lange genug empören, damit es ernsthafte Reformen geben kann? Man schaue sich nur die deutsche Vereinsstruktur an. So mancher Landesverband einer Volkspartei ist transparenter und weniger klüngelbelastet als viele der Vereine an der Basis. Seilschaften gibt es auch dort zu genüge. Doch das ist in Ordnung: Man kennt sich ja. Und wer nicht mitmachen will, wenn am Stammtisch Entscheidungen getroffen will, der kann halt gehen. Dass nebenbei am gleichen Stammtisch davon gesprochen wird, wie korrupt unsere PolitikerInnen seien und dass die ja eh machen würden, was sie wollen, gehört zum guten Ton. Dass dies nicht auf alle Vereine zutrifft, ist selbstverständlich. Dass das deutsche Vereinswesen aber nicht gerade ein Hort progressiven Handelns ist, sollte ebenso klar sein.
Und es ist ja nun nicht so, dass die Empörung über die FIFA jemals groß genug geworden wäre, dass sich ernsthaft etwas geändert hätte. Die Party war bei jeder WM auf's Neue groß - obwohl allenorts über die FIFA gelästert wurde. Am Ende Schadenfreude zu empfinden und "RICHTIG SO!" zu schreien, wenn diverse FIFA-FunktionärInnen abgeführt werden - das reicht einfach für Hochmut nicht aus.
Fußball ist für alle da und sollte eigentlich demokratisch organisiert werden. Der Meinung bin ich auch. Doch Fußball ist auch ein Riesengeschäft. Mit der WM 2014 alleine hat die FIFA einen
Gewinn von 1,6 Milliarden Euro eingefahren. Da viele Leute bereit sind, direkt Geld auszugeben, Gebühren zu zahlen oder Werbung über sich ergehen zu lassen, wird das auch so bleiben. Unser Wirtschaftssystem lässt auch gar nichts anderes zu.
Das weckt viele Begehrlichkeiten und regt geradezu dazu an, sich diese Geldmassen zu eigen zu machen, um sie sich in die eigene Tasche zu wirtschaften oder damit Macht über den meistbeachteten Sport weltweit zu bekommen.
Eigentlich müsste Fußball also deutlich stärker zumindest demokratischer Kontrolle unterworfen werden - aber sind wir bereit, uns dafür einzusetzen? Die meisten von uns betrachten Fußball gucken und spielen als Freizeit, in der wir uns eigentlich nicht mit wirklich ernsthaften Themen beschäftigen wollen (auch wenn für viele ein Derby das ernsthafteste ist, was sie sich vorstellen können). Der Fußball ist eine Parallelwelt, in die wir immer mal wieder kurz eintauchen können, um uns der richtigen Welt zu entziehen.
Sind wir als Gesellschaft bereit, diese Parallelwelt zu einer Bühne des Politischen zu machen? Ich bleibe da eher skeptisch. Aber die Hoffnung stirbt wie immer zuletzt.