Genesung vom Ökokollaps – ist Wachstum das Problem?
Spätestens seit dem Aufkommen der FridaysForFuture Bewegung ist die Klimakrise wieder im öffentlichen Diskurs verankert – wenn auch zwischenzeitlich durch die Corona-Pandemie überlagert.

Klimawissenschaftlicher Konsens ist, dass der anthropogene Treibhauseffekt hauptsächlich verantwortlich für den stark beschleunigten Klimawandel ist. Insbesondere die seit Beginn der Industrialisierung emittierten Treibhausgase haben einen immensen Einfluss auf den rasanten Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur gehabt. Die CO2 Konzentration in der Erdatmosphäre hat sich als Indikator für die weltweite Erderwärmung etabliert. Die Korrelation von CO2 Konzentration und der Erddurchschnittstemperaturen auf der Erde wird in folgender Grafik verdeutlicht. In den Jahren, in denen der korrelationale Zusammenhang weniger auffällt, überdeckte ein veränderter Aerosolgehalt den CO2-Effekt.


Quelle Grafik: https://www.klimafakten.de/klimawissen/fakt-ist/fakt-ist-die-erwaermungspause-zwischen-1945-und-1975-spricht-nicht-gegen-den

Bereits 1972, als die Studie des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ erschien, wurde auf die verheerenden Folgen des Wachstums der westlichen Industrienationen verwiesen. Konsequenz daraus waren Umweltbewegungen, Parteigründungen sowie regelmäßige Klimakonferenzen der Vereinten Nationen.
Interessanterweise fällt das steigende Bewusstsein für die Klimakrise in den 1970er Jahren zeitlich mit der neoklassischen Konterrevolution zusammen und ging mit einer Verengung wirtschaftspolitischer Zielsetzungen und Programmen einher. Mit dieser gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Zeitenwende verschärfte sich sowohl das Problem der sozialen Ungleichheit, als auch das des unnachhaltigen Wachstums.

In diesem Kontext konstatieren Postwachstumsökonomen ein Scheitern der Entkopplung von Ökologie und Ökonomie. Das Problem besteht jedoch nicht darin, dass ökologisches Wachstum nicht grundsätzlich möglich ist, wie hier behauptet, sondern dass es faktisch nie existierte, da das Wachstum wesentlich auf der Produktion fossiler Energieträger beruht. Dies in besonderem Maße nach der neoklassischen Konterrevolution, wie sich an der obigen Grafik ebenso erkennen lässt. Der Anstieg sowohl der globalen CO2-Konzentration als auch der durchschnittlichen Erdtemperatur war und ist seit den 1980er Jahren eklatant.

Postwachstumsökonomen wie Niko Paech machen in erster Linie die globale Mittelschicht und deren Konsum für die ökologische Krise verantwortlich. Dies ist vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die obersten 10% der Menschen gemessen am Einkommen rund 47% der weltweiten CO2 Emissionen zu verbuchen haben eher nicht plausibel. Folgende Grafik zeigt ebenso, dass die mittlere Einkommensschicht der Weltbevölkerung für 43% der Emissionen verantwortlich ist, während die unteren 50% lediglich 10% CO2 emittieren.


Quelle: https://de.statista.com/infografik/26885/anteil-der-einkommensschichten-an-den-globalen-co2-emissionen/

So sind auch oftmals die Forderungen in Klimaschutzbewegungen - so ehrenwert sie auch sein mögen -, dass einzelne Personen oder Regierungen von Nationalstaaten mehr zur Bewältigung der Klimakrise beitragen müssten, nicht zielführend. Das Problem dabei ist, dass es sich bei der Klimakrise um ein globales Phänomen handelt. Hinzu kommt der Umstand, dass selbst wenn es in einzelnen Ländern gelingt, erfolgreich eine Energiewende durchzuführen, die CO2 Emissionen nicht sinken. Denn solange die Produzenten fossiler Energieträger die Förderung fossiler Rohstoffe nicht reduzieren, werden nationalstaatliche Maßnahmen oder gar Aktivitäten einzelner Menschen die Klimakrise nicht hinlänglich lösen. Im Gegenteil, die CO2 Emissionen und die globale Durchschnittstemperatur steigen nach wie vor trotz Anstrengungen einzelner Länder und Menschengruppen weiter an:


Quelle Grafik: https://de.statista.com/infografik/6870/weltweite-co2-emissionen-bis-2035/

Der Ökonom Heiner Flassbeck unterbreitet den meiner Ansicht nach plausibelsten Vorschlag zur Überwindung des anthropogenen Klimawandels, zumindest auf lange Sicht. Systematisch und sukzessiv steigende Preise für fossile Energieträger, die in Relation zu den weltweiten Einkommen stets proportional mehr steigen, führen zu einer allmählichen Umlenkung der Nachfrage zu Energieträgern aus erneuerbaren Energien. Dafür bedarf es nicht nur einzelstaatlicher Steuerungen, sondern eines globalen Abkommens zwischen allen UN-Staaten, ebenjene Preissteigerungen verbindlich umzusetzen. Flankiert werden muss dies mit einer Einkommens- und Vermögensverteilung, da untere Einkommensschichten von solchen Teuerungen überproportional belastet würden.

Allerdings bedarf es für einen solch gigantischen globalen Transformationsprozess Zeit. Zeit, von der es in Zeiten des beschleunigten Klimawandels nicht mehr viel gibt. 2024 und 2025 verfehlten schon das Ideal des Pariser Klimaabkommens, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu halten. Einer Oxfam-Studie zufolge verursachen die reichsten 0,1 Prozent der Weltbevölkerung durch ihren Konsum und ihre Investitionen in klimaschädliche Sektoren täglich pro Person über 800 KG CO2. Zum Vergleich: Ein Mensch der soziökonomisch unterprivilegierten Hälfte der Bevölkerung verursacht nur etwa 2 KG CO2. Dies verdeutlicht, dass in einem multilateralen Abkommen zum Klimaschutz zwischen UN-Staaten auch staatliche Regulierungen vereinbart werden müssen, um ein solches Konsum- und Investitionsverhalten drastisch zu reduzieren zu dem Zweck, dass der menschengemachte Klimawandel schneller ausgebremst werden kann, um klimarelevante Kipppunkte nicht zu überschreiten, die ebenso einen Klimawandel verstärkenden Effekt hätten. Aus diesem Grund war es auch in Paris das Ziel idealiter bei unter 1,5 Grad zu bleiben. Das heißt, es bedarf staatlicher Regulierungen, um den Konsum von den Multimilliardären dieser Welt in klimafreundliche oder gar klimaneutrale Bahnen zu lenken. So ist es denkbar, dass die täglich stattfindenden Flüge der Superreichen mit Privatjets binnen weniger Jahre klimaneutral stattfinden müssen, wenn die dafür vorhandene CO2-neutrale Technologie verwendet würde. Diese ist kostspielig, aber gerade Superreiche können dieses Geld investieren.

Wenn dann parallel die Preise von fossilen Energieträgern bereits steigen, ist davon auszugehen, dass die Nachfrage nach Öl, Kohle und Gas auch nicht mehr an anderer Stelle in der Welt gegeben oder stark rückläufig ist. Auf diese Weise ließe sich neben dem langfristigen Ausstieg aus auf fossiler Energie beruhender Produktion und dem entsprechenden Konsum auch kurz- bis mittelfristig das Risiko minimieren, für die Klimakrise relevante Kipppunkte zu überschreiten, um so zeitnah, effektiv und nachhaltig die Klimakrise zu lösen. Wenn Volkswirtschaften dann noch Wachstum für sich verbuchen, ist dies ökologisches Wachstum im eigentlichen Sinne.

Das Mehr an Nachfrage nach CO2-neutraler Technologie hat das Potenzial, Unternehmensinvestitionen in ebenjene Technolgie anzuregen. Das hinter der fossilen Energie stehende Unternehmertum würde sukzessive die Nachfrage in klimaneutrale Alternativen umlenken und eine Innovationsdynamik in diesem Sektor in Gang setzen. Ohne eine Abkehr von der neoklassischen Lehre, die nur auf unnachhaltiges Wachstum und Preisstabilität setzt und selbst dafür aus ideologischen Gründen keine geeigneten Instrumente hat, wird eine sozialökologische Wende nicht möglich sein. Es bleibt zu hoffen, dass der Menschheit diese Jahrhundertaufgabe gelingt.